Sturm in Kalifornien: ausgebrannt

Reisen & Autismus - aber bloggen?!

Draußen stürmt es. Es schüttet in Strömen, gewittert lautstark und irgendwie bebt die Erde dabei. So ist dieses Unwetter hier in Kalifornien. Irgendwo im Nirgendwo, östlich - etwa eine gute Stunde - von Sacramento entfernt. Solch ein Unwetter habe ich selten erlebt. Zwei Mal ist bereits der Strom ausgefallen und es wird sicherlich nicht das letzte Mal in dieser Nacht gewesen sein. Bereits vor zwei Stunden waren Warnungen auf unseren Mobiltelefonen eingegangen. Sturm - und Flutwarnungen, denn die Regenfälle, die seit Tagen über die Westküste ziehen, gibt es um diese Jahreszeit eigentlich nicht. Und schon gar nicht so heftig.

 

Aber was hat diese Wetter - Geschichte mit meinem Blog zu tun? Einiges!

Einsamkeit in Kalifornien. Nicht gesucht, aber gefunden.
Einsamkeit in Kalifornien. Nicht gesucht, aber gefunden.

Ich kann den Sturm gewissermaßen mit meinem Leben in den vergangenen paar Jahren vergleichen. Denn genau so aufgewühlt und heftig fühlt es sich zumindest zur Zeit an. Alles begann grob gesagt eigentlich 2019. Sagen wir ganz einfach vor fast 5 Jahren. Die Hardfacts: 2019 starb mein Vater, dann nicht mal ein Jahr später 2020 erhielt ich meine Lungentumor-Diagnose. 2021 sollte unser Zwerg eingeschult werden aber alles - also er - wurde in den wenigen Monaten zuvor immer "seltsamer". Er passte irgendwie so gar nicht in das "Deutsche System". Das Kind funktionierte nicht so wie es "normal" sollte und erwartet wird. Kurzum: im Jahr 2022 kam die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung.

 

Der lange, steinige Weg zur Diagnose Autismus Spektrum Störung / Asperger

Ich steige im Jahr 2021 ein. Ich hatte gerade den Tod meines Vater begriffen, bin meinem eigenen bis dahin gleich zwei Mal nur knapp entflohen und schon wartete die nächste Herausforderung für mich. Kaum wieder fit, begann für mich (also uns) der nächste Ärzte-Marathon. Es war ein hin und her was das Kind im Gepäck betraf. Jeder bildete sich irgendeine Meinung. Keiner hatte wirklich einen Plan.

 

Ich vermute, ich muss nicht großartig ausschweifen, dass die Ärzte einem kein, ja wirklich gar kein Gehör schenkten, wenn man mit jenen ungewöhnlichen Problemen mit seinem Kind auftrat. Egal wie wir es zu erklären versuchten, alles wurde immer abgewunken, belächelt und phasenweise sogar uns in die Schuhe geschoben. Letztendlich seien ja wir Eltern irgendwie an der misslungenen Erziehung unseres Kindes Schuld. Kurzum, uns wurde zwischenzeitlich sogar Unvermögen in der Kindeserziehung zugeschrieben. Tja, da stand wir also. Ich war zwar gerade zumindest körperlich wieder offiziell geheilt, aber physisch auch in dieser Phase noch lange nicht genesen. Und jetzt kam noch dieses nächste Problem auf mich zu: ich wusste wirklich nicht mehr weiter. Ich hatte doch noch nicht einmal meinen Krebs annährend verstanden.

Auszeiten - me-time - sind sehr wichtig für Körper und Seele.
Auszeiten - me-time - sind sehr wichtig für Körper und Seele.

So versuchten wir einfach viel beiseite zu schieben, letztendlich auch zu ignorieren. Denn all das, was in den letzten Jahren passiert war, ließ sich nicht so einfach bewältigen. Mein Kopf und Körper konnten das nicht ewig mitmachen. Das war mir vor allem schon nach meiner Erkrankung sehr bewusst geworden. Ich brauche Auszeiten. Richtige Auszeiten, nicht nur 10 Minuten am Tag. So hatte ich damals einiges geändert, um mir wieder einigermaßen gerecht zu werden.

 

Doch jetzt das. An Auszeiten war immer weniger zu denken. Zum Einen weil die Schonzeit nach der Erkrankung nicht mehr zählt, wenn man als geheilt dasteht, zum Anderen weil es noch so viel mit dem Kind im Gepäck zu klären gab. 

 

Und was jetzt? 


Es kam wie es meist kommen muss: man, vor allem ich, funktioniert eben wieder. Alles wurde und wird irgendwie über die Bühne gebracht. The show must go on! So habe auch ich mich wieder halbwegs in das System pressen lassen. Mit schulpflichtigem Kind fällt man da auch automatisch rein.  Und das wird auch voll und ganz von einem erwartet.

 

Das Jahr 2021 war also nicht wirklich toll. Es passierte - und passiert immer noch - so vieles wo ich mich gefühlt geschlagen geben musste. Ich machte viele wo ich mich nicht wohl dabei fühlte, aber mich gezwungen sah mitzumachen. Ich konnte nicht anders als mitmachen.

Diagnose da - hurra?

Anfang 2022 erhielten wir dann die gesicherte Diagnose. Ich hatte den "Autismus-Spektrum Gedanken" schon zwei Jahre zuvor im Kopf. Natürlich immer wieder verworfen. "Wird ja schon alles normal sein mit dem Kind", und wenn den Gedanken ausgesprochen, dann natürlich heftig von allen Seiten belächelt worden. Wie konnte ich nur auf so eine absurde Idee kommen. Aber egal, lassen wir das.

 

Endlich hatten wir etwas Handfestes. Endlich etwas, mit dem wir als Eltern etwas anfangen können. Falsch gedacht! Leichter macht es die Situation keineswegs. Im Gegenteil. Es beruhigt mich zwar enorm, dass nicht ich das Problem zu sein schien, doch tagtäglich folgten neue Kämpfe, da unser System eben auf eine Norm ausgelegt ist. Mittlerweile kann ich mit vielem gelassener umgehen, allerdings bei weitem noch nicht optimal. An allen Ecken und Ende zeigt mir jeder Tag wie schwer es ist, wenn das Kind - die Familie - nicht so funktioniert wie gewünscht. Nur wer in Schubladen passt oder sich reinzwängen lässt, für den funktioniert es. 

 

Ich muss also viel an mir selbst arbeiten. Ich muss lernen mit ganz viel Unverständnis in der Gesellschaft klar zu kommen. Ich muss aufklären. Ich muss damit umgehen lernen. Hilfe gibt es wenig. Für alles muss man kämpfen. Muss ich kämpfen.

Licht im Nebel. Es gibt viel zu tun - packen wir es an.
Licht im Nebel. Es gibt viel zu tun - packen wir es an.

Kurzum hatten wir 2022 sehr viel zu klären, vor allem was das Thema Schule betrifft. Passende Schule, Schulbegleitung, Schwerbehindertenausweis (ja, auch den gibt es bei seiner ausgeprägten Form vom Autismus) und und und. Es stehen noch immer Termine mit dem medizinischen Dienst aus und so weiter. Alles zieht sich und kostet sehr viel Zeit und vor allem Energie. Sehr viel. Energie, die ich meist eigentlich gar nicht habe. Energie und Nerven, die sowieso schon durch den Alltag - schwer - belastet sind.

 

Ein Kind im Autismus Spektrum braucht eine ganz andere, viel höhere Art der Aufmerksamkeit. Ich weiß, viele verstehen das nicht und das verstehe ich auch, aber es ist wirklich so. Die Belastung ist gänzlich anders, aus ganz vielen verschiedenen Gründen. Aber ich will nicht jammern, so vielen geht es ja noch schlechter. Ich jammere also auf höherem Niveau. Aber es muss mal raus.


Selbstfindung und jetzt weiter?

Es ist also so, dass ich bereits 2022 angefangen habe einiges nicht mehr so an mich ranzulassen. Und einige Dinge, wie eben der Blog, stehen nicht mehr an führender Stelle. Nicht weil ich es nicht möchte. Es geht einfach nicht! Ich finde keine Zeit, keine Ruhe und keine nötige Inspiration mich hinzusetzen und das Erlebte zu schreiben. So sehr ich es möchte. Es geht nicht. Mir fehlen im wahrsten Sinne die Worte. 

Und da komme ich wieder zum aktuellen Sturm nach Kalifornien zurück. Dieser Urlaub ist ziemlich untypisch für uns. Wir haben viele Ausflüge unternommen, aber wir haben sehr viel Zeit ruhig und entspannt im Haus verbracht. So auch jetzt die Tage hier in diesem freistehenden, sehr abseits gelegenen Haus im Nirgendwo in etwa der kalifornischen Mitte. Schuld, dass wir überhaupt hier gelandet sind ist sicherlich vorwiegend das Wetter. Überall hier "in der Nähe" ist es ähnlich schlecht. So war dieser Housesit eine ultra kurzfristige Entscheidung. Sonntagabend habe ich die Anzeige gelesen und mich beworben. Noch am selben Abend habe ich mit Sandra telefoniert und noch in der Nacht hat sie uns ausgewählt. Dienstagmorgen um 10 Uhr waren wir hier. Ein Glücksfall irgendwie. Auch wenn es sich seltsam anhört, dass wir letztendlich zum Hühner füttern extra elf Stunden nach Kalifornien geflogen sind.

Golden Gate - das Tor zur Selbstfindung und Entspannung.
Golden Gate - das Tor zur Selbstfindung und Entspannung.

Das schlechte Wetter hat uns hier her geführt und lässt uns oder zumindest mich so richtig entspannen. Der Sturm hat vor allem mir endlich mal wieder die Ruhe gebracht, mich an einem Abend vor den PC zu setzen und in die Tasten zu hauen. Endlich fühle ich mich mal wieder frei und entspannt über die Reise zu berichten. Ich kann wenigstens einen klitzekleinen Einblick von all dem was in den letzten Jahren so hinter den Kulissen geschah, niederschreiben.

Ich kann erzählen warum hier aktuell so wenig passiert.

Warum noch so unendlich viele Beiträge ausstehen und warum wir so viel erleben, aber von all dem kaum etwas auf dem Blog erscheint.

 

Der Weg geht weiter und ist vorläufig bestimmt noch steinig und ausgebrannt. Doch es wird sicherlich besser.
Der Weg geht weiter und ist vorläufig bestimmt noch steinig und ausgebrannt. Doch es wird sicherlich besser.

Liebe Leute, die Reiserei geht definitiv weiter und auch unsere persönliche Reise geht weiter. Es fehlt mir momentan einfach die Kraft darüber zu berichten. Es fehlt die Energie und die Muße. Ich hätte sie so gerne wieder zurück. Ich hoffe, all das wird 2023 besser. Denn hier in dieser Umgebung, bei schlechtestem Wetter (und ich hasse es eigentlich, wenn tagelang keine Sonne scheint!) habe ich nicht noch tiefer den Kopf in den Sand gesteckt, sondern meine Ruhe gefunden. Ich hoffe, ich oder besser gesagt wir finden baldmöglichst die Ruhe für uns, damit sich auch der Blog wieder mit mehreren tollen Beiträgen füllt.

Ich hoffe ihr vergesst uns bis dahin nicht. 

 

Kurz nach Schreiben dieses Beitrages habe ich erfahren, dass meine Oma verstorben ist.  It goes on and on an on… ;-)


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Kommentare: 1
  • #1

    Anne Hörmann (Montag, 09 Januar 2023 23:20)

    Nimm dir alle Zeit und achte auch euch. Alles andere ist nicht so wichtig! Ich kenne die Gegend um Sacramento, schön dort. Familie wohnt dort. Bin Gedanklich auch dort. Alles Gute.

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